Freitag, 7. März 2014

Der Fall Dennis Stephan: Aus dem Verkehr gezogen!

Aus dem Verkehr gezogen





Im Strafprozeß gegen Dennis Stephan geht es nicht mehr um Brandstiftung, brisante Fragen stehen dennoch an


Von Gitta Düperthal
Es drehte sich alles um Dennis Stephans Biographie im Strafprozeß gegen den Linke-Politiker im Gießener Kreistag, der am Dienstag fortgesetzt wurde. Nicht nur sein Anwalt Thomas Saschenbrecker wunderte sich, weshalb dessen »angebliche psychische Erkrankung« überhaupt Thema ist. »Kopfschüttelnd verfolgt das Publikum im Gerichtssaal nun seit Monaten mit, wie hier irrelevante Dinge verhandelt werden«, meint auch der Politaktivist und ständige Prozeßbeobachter Jörg Bergstedt. Er hatte Strafanzeige gegen die Staatsanwaltschaft Gießen wegen Verfolgung Unschuldiger gestellt. Gegenüber jW konstatierte er: »Niemand geht von einer schweren Brandstiftung oder überhaupt einer Straftat aus, die dieser angeblich in seiner eigenen Wohnung verübt haben soll«. Von Feuerwehrleuten war einzig zu vernehmen gewesen, daß sie einen kleinen bereits erloschenen Aschehaufen aus dem Fenster entsorgt hatten – möglicherweise Resultat von vergessenen Räucherstäbchen.

Daß Stephan im vergangenen Jahr vier Monate lang in die psychiatrische Vitos-Klinik weggesperrt und mit Kontaktverbot belegt worden war, als öffentliche Kritik an der Einweisung aufkam, kritisieren mittlerweile viele Prozeßbeobachter. Darunter auch Gustl Mollath, der in Bayern selbst sieben Jahre lang in die Psychiatrie gesperrt war. Stephans Halbschwester Melanie, von Beruf Krankenschwester, entlastete den Linke-Politiker vor der zweiten großen Strafkammer des Landgerichts Gießen mit ihrer Aussage: Sie habe keine Anzeichen einer Psychose erkennen können. Als Zeuge zu dessen Zurechnungsfähigkeit vernommen wurde kurz vor dem gestrigen jW-Redaktionsschluß der Gießener Kreistagsvorsitzende Karl-Heinz Funck (SPD).

In einer der folgenden Verhandlungen, möglicherweise am 14. März, wird ein weiterer Vorfall erörtert werden, der ebenso gar nichts mit der angeblichen Brandstiftung zu tun hat. Trotzdem spannend, wie Anwalt Saschenbrecker meint: Das Gericht habe einen Gutachter bestellt, um jenen Autounfall ins Visier zu nehmen, dessen OpferDennis Stephan am 20. Mai 2013 geworden war und bei dem er mehrere Knochenbrüche erlitten hatte. Stephan konstatierte im Gespräch mit jW, für eine Klärung des tatsächlichen Unfallhergangs dankbar zu sein. Der ehemalige Bürgermeister von Fernwald hatte ihn mit seinem Auto überfahren, aber Ermittlungen gegen ihn wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung seien »fallengelassen worden«. Stephans Anwalt ist optimistisch. Das Gutachten könne eine Wendung im Prozeß bringen und den Linke-Politiker rehabilitieren – »auch in der Parteienlandschaft des Gießener Kreistags«.

Nachdem der Anwalt eine Polizistin, die den Unfall untersucht hatte, vor Gericht befragt habe, seien offenbar der Vorsitzenden Richterin Regine Enders-Kunze ebenfalls Zweifel daran gekommen, daß sich der Linke-Politiker in selbstmörderischer Absicht vor dessen Auto geworfen haben soll. Genau das hatte aber der Exbürgermeister behauptet.

Dessen Darstellung findet der Anwalt höchst fragwürdig: DennisStephan sei, nachdem ihn das Auto überrollt habe, auf dem Bauch liegend aufgefunden worden: »Wie soll er aber mit dem Rücken vor das Auto gesprungen sein?« Das Auto sei vermutlich nicht sofort gebremst worden, sondern habe Stephan mitgeschleift. Fragt sich: Welche Motive könnte es geben, den Linke-Politiker auf die eine oder andere Art zu belasten?
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